Grundprinzipien der Osteopathie

„Die Struktur dirigiert die Funktion und die Funktion kreiert die Struktur.“ (A.T.Still)

Dr. Andrew Taylor Still (Begründer der Osteopathie) stellte vor über 100 Jahren fest, „dass es eine untrennbare Verbindung zwischen Struktur und Funktion im Körper gibt, dass der Körper alles in sich enthält, was er zu seiner Heilung und zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit benötigt und dass der Mensch eine ganzheitliche Einheit ist, die Körper, Geist und Seele umfasst“( Möckel, Mitha, Handbuch der pädiatrischen Osteopathie) Mit Hilfe von palpatorischen Fähigkeiten (ertasten und erfühlen von Struktur) und sehr genauen anatomischen Kenntnissen, kann der/die Osteopath/in dem Körper helfen, ein bestehendes Ungleichgewicht zu korrigieren.

Alle Materie, die den Körper ausmacht bezeichnen wir als Struktur: Knochen (ganz besonders die Schädelknochen), Gelenke, Muskeln, Organe, Gewebe, Faszien, Flüssigkeiten wie Blut und Lymphe, Nerven, Membranen.

An dem Beispiel der Muskelkräftigung kann man die Wechselwirkung von Struktur und Funktion gut erkennen. Die Struktur Muskel verändert sich durch gezieltes Training, also durch seine Funktion: er wird dicker und bekommt mehr Spannung. Wird ein Muskel nicht benutzt, verkümmert er und wird schmal und schlapp. Die Struktur hat sich mit der fehlenden Funktion verändert.

Kinder-Osteopathie
Das Grundprinzip der Osteopathie, dass sich Struktur und Funktion gegenseitig bedingen und beeinflussen, ist gerade in der frühkindlichen Entwicklung von großer Bedeutung.
Gerade in frühem Alter ist der menschliche Körper noch eine biologische Einheit, die sich in einer ständigen Wechselwirkung mit der Umgebung befindet. Diese Einheit drückt sich in allen Regionen und Ebenen des Organismus in seiner physischen und psychischen Funktion aus. Funktionsstörungen stehen zu Beginn einer Krankheit und zeigen sich dem Osteopathen als eingeschränkte Bewegung: Ausmaß, Richtung, Rhythmus und Spannungszustand sind verändert. Ein früher Schüler Stills, Dr. W.G. Sutherland, prägte folgenden Satz: „Wie der Ast gebeugt wird, so neigt sich der Baum. Wenn ein Kind sein Leben mit einer Asymmetrie des Schädels aufgrund der Geburt beginnt, dann wird sich dieses Muster im gesamten Körper widerspiegeln. Wenn dieses Kind heranwächst, bleibt die Asymmetrie bestehen und kann sogar noch zunehmen, wobei jede Körperstruktur mit betroffen ist und jeder Teil in seiner Funktion dadurch eingeschränkt ist.“(Möckel, Mitha, Handbuch der pädiatrischen Osteopathie)

Was bei der Osteopathie besonders überzeugt, ist die sanfte Herangehensweise, die dem Lebensgefühl von Kindern entspricht. Es kann durch manuelle Techniken, die für das Kind nicht unangenehm sind, auf veränderte Strukturen eingewirkt werden und so können unphysiologische Funktionen wieder hergestellt werden und der Körper wird angeregt sich selbst wieder in sein Gleichgewicht zu bringen, um möglichst ökonomisch und komfortabel innerhalb seiner Umwelt zu agieren.

Schon die Embryonalzeit ist für den/die Osteopathen/in von großer Bedeutung. Die Entwicklung eines neuen Menschen beginnt mit der ersten Teilung der Zelle.
Die Kinderosteopathie berücksichtigt daher auch die pränatalen (vorgeburtlichen) Erlebnisse: Schon die embryonale Entwicklung im Mutterleib prägt ganz entscheidend das Kind, denn in den 40 Schwangerschaftwochen entwickeln sich alle Strukturen. Durch eine umfangreiche Schwangerschaftsanamnese , können Hinweise auf evtl. Läsionen (seien sie psychischer, physischer oder umweltbedingter Art) erfolgen. In dieser frühen Entwicklungsphase können schon strukturelle Veränderungen entstehen, die dann gegebenenfalls vom Osteopathen gespürt und aufgelöst werden können.

Die Kinderosteopathie berücksichtigt die perinatalen (während der Geburt) Erlebnisse: Ein nicht aufgelöstes Geburtstrauma kann zu einer Abfolge von Problemen durch Kompensationen und Funktionsstörungen führen, die beim Säugling beginnen und das ganze Leben hindurch anhalten können.

Und sie berücksichtigt die postnatalen (nach der Geburt) Erlebnisse: Bei einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Beschwerden bei Kindern kann die spezielle Kinder-Osteopathie hilfreich sein. Besonders bei Schreikindern und Kindern mit Blähungen zeigen sich imme wieder Erfolge. Säuglinge können zufriedener und ruhiger werden, es können sich Verhaltensprobleme bei Kleinkindern bessern, genauso wie Schlafstörungen, wiederkehrende Infektionen, Lernstörungen, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen und vieles mehr. Das Besondere des osteopathischen Verfahrens ist die Auflösung des strukturellen Ungleichgewichts, damit der Körper wirksamer funktionieren kann. Es werden nicht einfach die Symptome behandelt. Für die kindliche Entwicklung können so bessere Voraussetzungen geschaffen werden, mit den Anforderungen und Herausforderungen des Lebens fertig zu werden.

Im Gegensatz zur Schulmedizin kommt die Osteopathie ohne Medikamente aus. Das ist ein großer Vorzug, wenn man bedenkt, dass Medikamentenforschung nur mit Erwachsenen betrieben wird und der kindliche, noch unausgereifte Stoffwechsel anders auf Medikamente reagiert.

Die Körpersymmetriestörung
Besonders die Körpersymmetriestörungen haben Osteopathen seit 1966 beschäftigt. (insbesondere Magoun, Fryman und Upledger sind nur einige Namen). Als Ursachen werden kraniosakrale Funktionsstörungen angesehen, die nur durch osteopathische Behandlungen behoben werden können, die zum Ausgleich vieler körperlicher Funktions- und Haltungsstörungen, beitragen.

In der ersten deutschsprachigen osteopathischen Studie konnte Rys(1990, 2000) nachweisen, dass auch viele andere Körperfunktionsstörungen- neben kraniosakralen Störungen- aufgedeckt und behandelt werden müssen, um die systemischen Dysfunktionen zu beseitigen und die Eigenheilkräfte des Körpers zu aktivieren.

Inwieweit Geburtstraumen- auch bei einer natürlichen Geburt- für die vorgefundenen kraniosakralen Funktionsstörungen verantwortlich gemacht werden können, ist derzeit nicht geklärt. Es gibt Vermutungen und einige Hypothesen, aber keine endgültige Klärung. Intrauterine Lageanomalien und Besonderheiten des mütterlichen Beckens sind möglicher Weise die Ursache für viele aufgefundene osteopathische Läsionen, die letztlich auch auf einen gestörten Geburtsvorgang verantwortlich gemacht werden können.

Es ist wichtig alle gestörten Funktionseinheiten des kindlichen Körpers therapeutisch zu berücksichtigen, also kraniosakrale, fasziale, myofasziale und viszerale Dysfunktionen.